Dienstag, 15. Dezember 2015

Experimentierfeld Dorf

Eigentlich wollte ich hier einen kurzen Bericht über einen Workshop (der den Titel dieses Beitrags hatte!) schreiben, an dem ich letzte Woche in Halle teilgenommen habe, aber ich muss etwas ausholen, um meine Bewertung dieses Workshops verständlicher werden zu lassen.
Ich springe in die 1980er Jahre zurück, damals wurden das Dorf und die Auseinandersetzung damit interessant. Einerseits schuf die Dorferneuerung neue Tätigkeitsfelder für Architekten, Kulturwissenschaftler und ab und an auch Historiker, andererseits zogen immer mehr Städter aufs Land und entdeckten dieses. In Hannover taten sich damals einige Kollegen zusammen und führten nicht nur eine gemeinsame Vorlesung durch, sondern schrieben auch ein kleines Büchlein, „Annäherungen an das Dorf“ nannte es sich und verdeutlichte schon die komplexe Herausforderung, sich dem Phänomen „Dorf“ zu stellen. Daraus ergab sich ein kleines Forschungsprojekt, in dessen Verlauf ein „Profil“ durch Niedersachsen gelegt und Dörfer auf einer Linie zwischen Ostfriesland und dem Harz zunächst auf einer statistischen Basis untersucht wurden. Der Historiker der Gruppe, zu der ein Architekt und Dorfplaner, zwei Soziologen und ein Agrarwissenschaftler gehörten, gab mir damals den Platz frei, so dass ich an diesem Projekt beteiligt war. Es war übrigens finanziell knapp ausgestattet, für mehr als kleine Honorare, Fahrt- und Übernachtungskosten reichte das Geld nicht. Es war eine spannende Zeit, wir debattierten sehr viel und lange über das Phänomen Dorf, die Positionen zwischen Soziologen und Historikern auf der einen und den Planern auf der anderen Seiten lagen zuweilen weit auseinander. Soziologen und Historiker kritisierten vor allem den unkritischen Umgang mit dem Thema Dorf. Planer hatten damals einen stark verklärenden, visuellen Eindruck vom Dorf. „Dachlandschaften“ und Ortsmittelpunkte (wo intensives soziales Dorfleben generiert werden sollte), standen höher als eine Auseinandersetzung mit den vorhandenen sozialen, politischen und kulturellen Verhältnissen. Der „Wortführer“ dieser ästhetischen Annäherung an das Dorf war übrigens Wilhelm Landzettel, dem wir prächtige Bildbände zu verdanken haben, dessen Analysen aber für Gesellschaftswissenschaftler irritierend wirkten. Zurück zum Projekt:
Nachdem wir die statistische Aufarbeitung der Dörfer beendet hatten, gingen wir an die Untersuchung einer Gemeinde, allerdings einer Samtgemeinde, die erst durch die Gebiets- und Verwaltungsreform zusammen gewürfelt war. Wir suchten uns für die weitere Arbeit einzelne Dörfer dieser Samtgemeinde heraus. Die Soziologen beklagten, dass sie nicht genug Zeit für eine sorgfältige Lokalstudie hatten. Als „Ausweg“ führten sie Interviews mit Zugezogenen und kamen zu interessanten Ergebnissen, etwa dem, dass das „Dorf“ als Bezugspunkt für soziales Leben häufig überschätzt wird! Wir Historiker (damals war noch eine weitere Kollegin dabei) gingen in ein anderes Dorf, in dem die Dorferneuerung ein wichtiges Thema war und beschäftigten uns im Rahmen eines Volkshochschulkurses mit der Dorfgeschichte. Am ersten Abend waren ca. 30 Personen anwesend, und als wir sie fragten, weshalb sie gekommen seien, erhielten wir zur Antwort, dass Herr B., der Vorsitzende des örtlichen Heimatvereins, ihnen gesagt hätte, sie sollten kommen. Herr B. war Zugezogener, lebte in einem älteren Haus in der Mitte zwischen altem Dorf (und zwar dem Teil, wo die Meierhöfe standen) und einer kleinen Neubausiedlung. Sein Wort galt jedenfalls etwas.
Nebenbei nutzten wir den Kurs, um Kontakte für offene Interviews mit einigen der Teilnehmer zu erhalten. Die meisten Interviewpartner waren Frauen und sie eröffneten bemerkenswerte Blicke auf das Phänomen Dorf aus weiblicher Sicht. Mehr dazu in diesem Blog!
Die Ergebnisse dieser Studien wurden auch veröffentlicht, aber leider so unscheinbar und abgelegen, dass sie kaum Leser gefunden haben dürften. Schade.
Wir führten damals auch mit anderen Kollegen Debatten um das Thema Dorf und immer wieder mussten wir uns mit sehr schlichten, einfachen, idyllischen Bildern auseinandersetzen. Mein Beitrag zur Dorfgeschichte in Niedersachsen lautete übrigens „Das imaginäre Dorf“. Er richtete sich u.a. gegen die vereinfachten Vorstellungen vom Dorf, wobei hier simple historische Arbeit betrieben wurde. Als ich diesen kleinen Beitrag vor einem Jahr in die LernWerkstatt Geschichte eingestellt habe, stieß ich bei einer Recherche auf einen fast gleichnamigen Band über „Imaginäre Dorf“ von Werner Nell und Marc Weiland. Und dadurch kam der Kontakt zustande, der zu der Teilnahme an dem Workshop über das „Experimentierfeld Dorf“ letzte Woche in Halle führte. 
Nun gibt es derzeit wieder eine neue „Lust“ am Landleben und am Dorf. Was hat das für Folgen für Wissenschaftler, die nicht den - wie ich ein wenig dachte - kritischen Blick auf das Dorf haben, sondern eher gefangen sind in den einfachen Bildern des Dorfes? Nun, um es kurz zu machen, meine Bedenken wurden nicht nur zerstreut, sondern ich wurde vom Gegenteil überzeugt. Die in Halle geführten Beiträge und Debatten bewegten sich auf einem überzeugenden methodischem und theoretischen Niveau. Im Vergleich dazu war das, was wir Ende der 1980er Jahre gemacht haben, fast stümperhaft. Gleich, ob Dörfer aus der DDR, Polen oder Weißrussland behandelt wurden, ob es um die Auseinandersetzung mit literarischen oder architektonischen Perspektiven ging, es wurden komplexe Zusammenhänge heraus gearbeitet. Die Vielfalt der Perspektiven und Deutungen (etwa die Frage, ob das Uneigentliche des Dorfes nicht das Eigentliche sei …) war immer wieder faszinierend. Für den Westdeutschen wie mich war nicht so sehr die Erweiterung auf die DDR (ach, die Kinder von Golzow im Oderbruch …), sondern die nach Polen und Weißrussland spannender, etwa der Bezug zwischen dörflicher Sprache und der der „Hochkultur“. Manches knüpfte gleichsam an das an, was wir 25 Jahren zuvor allerdings mit viel einfacheren Mitteln unternommen hatten, wie die gezielte Befragung von Zugezogenen oder von Frauen. Dazu kam bei den Vortragenden keine Idyllisierung des Dorfes (wobei immer wieder betont wurde, dass es „das“ Dorf ja gar nicht gebe), sondern eine durchaus differenzierte Bewertung der jeweiligen Verhältnisse. Auch wenn es dezidiert, zumindest nach meinen Eindrücken, nie formuliert wurde, so war die Frage nach dem gesamtgesellschaftlichen Stellenwert des Dorfes, des ländlichen Raumes oder dessen, was dafür gehalten wird, ein durchgängiges Thema. Die Frage nach dem „guten Leben“ ist eben nicht nur eine Frage, die „das“ Dorf betrifft, sondern die von gesellschaftlicher Relevanz ist, weil sie sehr individuell beantwortet wird. An mehreren Stellen trat auch das alte Thema des zu kolonisierenden Dorfes auf, der Dorfbewohner, die für sich allein nicht entscheiden können, was „richtig“ für sie ist, die sich externen gesellschaftlichen Normen nicht stellen wollen, seien es die Dorfbewohner, die während der Kollektivierung in SBZ und DDR sich vor ihre „Feudalherrin“ stellen und von der SED-Elite zum „besseren“ Leben gezwungen werden müssen, seien es die alten Bewohner von Dörfern, denen die Zugezogenen erst meinen zu vermitteln müssen, was „richtiges“ Dorfleben ist.
Die Bilanz dieser Tagung ist ausschließlich positiv, sie war anregend und wegweisend. Ich bin gespannt, wie sich das Projekt weiter entwickelt.

Der Sammelband hieß:
Hauptmeyer, Carl-Hans, u.a.: Annäherungen an das Dorf : Geschichte, Veränderung und Zukunft, Hannover 1983.
Das kleine Büchlein zu unserem Projekt:
Das Profil: Untersuchung der Probleme und Entwicklungspotentiale ländlicher Gemeinden in Niedersachsen (Arbeitsmaterial/Akademie für Raumforschung und Landesplanung 169). Hannover 1990. Autoren des Bandes waren u.a. Heinar Henckel, Hans-Werner Wöbse, Carsten Reinecke.
Mein kurzer Text, den ich heute nicht mehr so schreiben würde, findet sich hier: http://www.lwg.uni-hannover.de/w/images/3/3c/Schneider_imaginäre_Dorf_2014.pdf 
Über das Projekt in Halle gibt es hier alle wichtigen Informationen samt dem erwähnten Buchtitel:

http://www.dorfatlas.uni-halle.de

Samstag, 13. Juni 2015

Westrup Anfang der 1950er Jahre

    Die Lebensverhältnisse des kleinbäuerlichen Dorfes Westrup (1953)

Im Landkreis Lübbecke, an den Südhängen des Stemweder Berges (dem angeblich nördlichsten Mittelgebirgszug Deutschlands) liegt das Dorf Westrup. Anfang der 1950er Jahre war Westrup eines von 13 Dörfern, in denen das Bundesministerium für Ernährung Studien über die Arbeits- und Lebensbedingungen der kleinbäuerlichen Bevölkerung durchführen ließ. Die Westruper Untersuchung wurde 1952 bis 1953 durch den Diplom-Landwirt Paul Autschbach von der Universität Münster durchgeführt und 1953 in der Gesamtstudie „Lebensverhältnisse in kleinbäuerlichen Dörfern: Ergebnisse einer Untersuchung in der Bundesrepublik 1952“ in der Zeitschrift für Agrarpolitik und Landwirtschaft veröffentlicht. Im Untersuchungszeitraum hatte Westrup 746 Einwohner, der zugrundeliegende Zensus vom 10. Oktober 1951 zählt ein Viertel davon als Vertriebene und Flüchtlinge aus Schlesien, Pommern, sowie Evakuierte, vornehmlich aus dem Ruhrgebiet.
Ziel der Studie war es, den Zustand der westdeutschen Landwirtschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Währungsreform von 1948 zu untersuchen. Insbesondere sollten soziale und ökonomische Problemstellungen und etwaige Lösungsansätze für die Forschung sichtbar gemacht werden. Dabei ging es besonders um Strukturwandel aufgrund zunehmender Mechanisierung sowie des Fortfalls der mittel- und ostdeutschen Agrargebiete jenseits der sowjetischen Zonengrenze oder der Oder-Neiße-Grenze.
Die Studie lässt sich in drei Abschnitte teilen: Einen ersten, die historischen, geographischen und ökonomischen Strukturen des Ortes behandelnden Abschnitt, betriebswirtschaftliche Untersuchungen einzelner landwirtschaftlicher Betriebe zum Zweiten, sowie drittens Bemerkungen zu den Familienstrukturen und den Lebensbedingungen der Dorfbevölkerung. An dieser Stelle soll, aus Gründen der Übersichtlichkeit, lediglich auf die globalen Untersuchungen zu den dörflichen Strukturen und den Lebensbedingungen der Familien eingegangen werden. Der Aufbau des Textes folgt dabei in etwa dem Aufbau der Studie.

Ein Gesamtbild der dörflichen Strukturen

Wie bereits eingangs erwähnt, liegt Westrup im Landkreis Lübbecke, an den südlichen Ausläufern des Wiehengebirges. Es befindet sich an den nördlichen Grenzen, sowohl des Landkreises, als auch des Landes Nordrhein-Westfalen; nördlich des Stemweder Berges beginnt der niedersächsische Kreis Diepholz. Die Randlage des Dorfes wird auch in seiner Anbindung an das Infrastrukturnetz sichtbar. Zwar sind die Straßen 1952 bereits fast überall asphaltiert worden, die größeren Orte waren jedoch nur selten direkt zu erreichen. Die nächste Bahnstation in Lemförde lag in zehn Kilometern Entfernung, es verkehrten täglich 18 Züge in Richtung Diepholz, Bremen, Hamburg und Osnabrück. Lemförde war viermal täglich per Bus zu erreichen. Eine Kraftpost-Verbindung bestand zweimal am Tag auch in Richtung der Kreisstadt Lübbecke.
Die Bausubstanz war zum Untersuchungszeitraum bereits durch zahlreiche Neubauten gekennzeichnet. Das Hallenhaus als Wohn- und Stallanlage war bereits massiven Ziegelbauten und separaten Stallanlagen gewichen. Insgesamt war der bauliche Zustand der Häuser und Betriebsgebäude gut.
Westrups Geschichte ist von der geographischen Randlage des Dorfes geprägt. Im beginnenden Hochmittelalter befand sich der Ort unter der Hoheit des Bistums Minden. Im 14. Jahrhundert weiteten die Grafen aus dem nahen Diepholz ihren Einflussbereich auf Westrup aus, der entstehende Streit fand sein Ende erst mit dem Verlöschen des Diepholzer Geschlechts 1585. Der in der Folge festgelegte Grenzverlauf zwischen Minden und Diepholz bildet die noch heute bestehende Landesgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.
Zusätzlich zur Landwirtschaft bildete die Leinenweberei im Nebenerwerb eine wichtige Einkommensquelle für die Bewohner von Westrup und der Umgegend. Mit der aufkommenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurde die Heimarbeit jedoch von billiger Industrieware, etwa aus Großbritannien verdrängt. Missernten in den 1840er Jahren verstärkten die wirtschaftliche Krise zusätzlich. In der Folge kam es in Westrup zu einer starken Emigration. Während 1843 noch 674 Einwohner im Dorf leben, sank die Bevölkerung bis 1861 auf 573, bis 1890 sogar auf nurmehr 458 Personen ab. Erst die Jahrhundertwende brachte eine wirtschaftliche Entspannung. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs stieg die Bevölkerung stark an, Grund hierfür war der Zuzug von Vertriebenen und Evakuierten, die nach dem Zensus 1951 ein Viertel der Dorfbewohner stellten.
Ökonomisch war Westrup im Untersuchungszeitraum 1952/53 noch immer landwirtschaftlich geprägt. Zwar arbeiteten 46% der Dorfbewohner nicht primär in landwirtschaftlichen Berufen, was jedoch daraus resultiert, dass Nebenerwerbslandwirte statistisch nicht als Landwirte gezählt wurden. Mit einem Anteil von 25,2% an den Agrarbetrieben bildete die Gruppe der Nebenerwerbslandwirte jedoch die zweithäufigste landwirtschaftliche Betriebsform in Westrup. Außerhalb der Landwirtschaft tätig waren fast ausnahmslos die Vertriebenen und Evakuierten. Hauptsächliche Arbeitgeber für jene Personen waren Ziegeleien und das Bauhandwerk. Wichtigstes Ziel für Berufspendler aus Westrup ist dementsprechend das nahegelegene Wehdem mit dem dortigen Bauunternehmen gewesen.
Die landwirtschaftlichen Betriebe verfügten in den meisten Fällen nur über kleine Anbauflächen von 2 bis 5 Hektar. Aus den kleinteiligen Hofparzellen resultiert der hohe Grad an Nebenerwerbstätigkeit, der die Westruper Bauern kennzeichnete. Während die Nebenerwerbslandwirte in der Regel genug Zeit für die Bewirtschaftung ihres Hofes freimachen konnten, bestand bei den Haupterwerbslandwirten ein Mangel an Arbeitskraft. Bei knapp drei Viertel der landwirtschaftlichen Betriebe handelte es sich um Familienbetriebe, welche in Arbeitsspitzen daher auch auf alte und sonst nicht in der Landwirtschaft tätige Familienmitglieder zurückgreifen mussten.
Eine besondere Stellung nahm in Westrup die genossenschaftliche Organisation der Landwirte ein. So wurde die Elektrifizierung des Ortes ab 1919 durch ein genossenschaftlich betriebenes Netz vorangetrieben. Besonders während des Zweiten Weltkrieges konnten hierdurch viele Grundstücke angeschlossen werden, sodass Westrup 1952 beinahe vollständig ans Stromnetz angeschlossen war.
Ebenfalls findet sich eine starke genossenschaftliche Organisation bei der Beschaffung von größeren Maschinen, beispielsweise einem schweren Schlepper zur Bewegung der ebenfalls genossenschaftlich beschafften Dreschmaschine. Von den 27 am Ort befindlichen Drillmaschinen befanden sich 18 im Besitz von Genossenschaften mit jeweils zwei bis vier teilnehmenden Höfen. Der hohe Stand an gemeinschaftlich genutzten Maschinen ist besonders vor dem Hintergrund der kleinen Höfe wichtig: Nur durch die gemeinschaftliche Investition ist es überhaupt möglich gewesen, die neuen Technologien nutzbar zu machen.
Eingeschränkt wurde genossenschaftliches Engagement durch ein lediglich auf kurze Frist ausgerichtetes, betriebswirtschaftliches Denken. Zur besseren Nutzbarmachung des vielen Grünlandes wurde in den 1930er Jahren eine Genossenschaft zum Bau eines großangelegten Drainage-Systems gegründet. Da inzwischen jedoch viele Bauern im kleinen Maßstab einzelne Drainagen gebaut hatten, verebbte das Interesse, jene Probleme auf globaler Ebene zu lösen, vor dem Hintergrund neuerlichen Investitionsbedarfes. In der Folge blieb das Wasserhaltungsproblem bis 1952 im Grunde noch immer bestehen.

Die bäuerliche Familie in Westrup

Einen Schwerpunkt der Studie bildet eine Untersuchung der Familienverbände in Westrup. Hierbei konnten zwei große Konfliktlinien entlang der Generationengrenzen beobachtet werden. Zum einen entwickelten sich Streitigkeiten aufgrund der dominanten Rolle der Altbauern. Da Altenteile am Ort unüblich waren, wurde der Hof zumeist beim Tod des Altbauern an die nächste Generation weitervererbt. Vereinzelt konnte beobachtet werden, dass noch auf dem Sterbebett Entscheidungen getroffen wurden, um einem Handeln des Sohns zuvorzukommen. Belegt ist eine Jungbauernfamilie, die den elterlichen Hof verlassen musste, bis sich der Zorn der alten Generation gelegt hatte, sowie das Übergehen eines eingeheirateten Jungbauern ein der Erbreihenfolge zu Gunsten des Enkels.
Auch die Ehe der jüngeren Generation barg hier Konfliktpotential. Die Autorität über die Küche und den Haushalt behielt selbstverständlich die Altbäuerin, die sich auch nicht von einem Abschluss der Hausfrauenschule beeindrucken ließ und für Neuerungen und Vorschläge unzugänglich war.
Insgesamt erscheint die Rolle der Frauen im Westrup der frühen 1950er Jahre interessant. Zwar war formal der Ehemann einzig berechtigt, über die finanziellen Mittel der Familie zu bestimmen, ebenso über die beruflichen Perspektiven seiner Frau und seiner Kinder. Auch bestanden feste Rollenverständnisse, deren Durchbrechen im Ort auf Unbill stieß – welchen etwa ein Bauer hervorrief der, während seine Frau erkrankt war, durch das Küchenfenster beim Abwasch gesehen wurde. Dennoch wurde festgestellt, dass in der Alltagspraxis gerade die Frauen in Westrup in der Regel die Autorität im Haushalt ausübten. Beobachtet wurde beispielsweise, wie eine zuvor unbelastete Nachbarschaftsbeziehung zweier Höfe lediglich an der „Unverträglichkeit der Frauen“ scheiterte. Dies ist insofern beachtlich, da die direkte Nachbarschaft durch die zahlreichen in Arbeitsspitzen geleistete gegenseitige Hilfe, auch auf Familienfesten stets eine wichtigere Stellung einnahm, als die erweiterte Familie.
Die zweite große Konfliktlinie bestand zwischen den Kindern und ihren Eltern, den Jungbauern. Bedingt durch die üblicherweise kleinen Höfe, deren einziger Arbeitskräftepool die Familie des Bauern bildete, wurden in Westrup oftmals auch die Kinder nach der Schule zur Arbeit herangezogen – Freizeit blieb ihnen kaum. Jenseits der grundlegenden Bildung wurde Schule als eher hinderlich empfunden, da die Kinder erst nach Abschluss des achten Schuljahres vollständig für die Arbeit am Hof zur Verfügung standen. Mittlere Reife oder gar das Abitur waren die Ausnahme und nur bei den größten Betrieben am Ort zu finden. Eine Aus- oder Weiterbildung fand daher in der Regel nicht statt, was mit einer verbreiteten Abneigung gegenüber Neuerungen wirtschaftlicher oder verfahrenstechnischer Natur einherging, sofern sie sich nicht postwendend finanziell rentierten. Im Vordergrund stand bei allen Überlegungen die kurzfristige Entwicklung des Hofes. Die schnellstmögliche Nutzbarmachung von Arbeitskraft wog schwerer, als mittel- oder langfristige Verbesserungen durch Ausbildung. Hier wurde eher die Gefahr gesehen, die Kinder könnten dauerhaft aus dem Ort abwandern, sobald sie erst zur Ausbildung die Ortsgrenze überschritten hätten.
Die Kinder litten unter der starken Arbeitsbelastung: Durch die Dominanz der elterlichen Erwartungen gegenüber eigenen Neigungen und beruflichen Wünschen entwickelten sie oft einen harten, sehr apathischen Charakter. Eine Kultur des „Sich Abfindens“ (p. 157) bildete sich.
Erschwerend zur Belastung der Kinder mit Arbeit kam hinzu, dass die Familie keine Quelle von Entspannung oder kulturellem Leben darstellte. Gemeinsame Ausflüge fanden nicht statt, stattdessen suchten die Kinder Zerstreuung außerhalb der Familie unter Gleichaltrigen.
Insgesamt kommt man in der Studie zu dem Schluss, dass die bäuerliche Familie kaum als Lebensgemeinschaft beschrieben werden könne. Neben dem gemeinsamen Essen und Schlafen war der einzige gemeinsame Bezug die Arbeit auf dem Hof. Deutlich wird das Missverhältnis zwischen Arbeits- und Familienbeziehungen auch durch ausbleibende Entlohnung der durch die Familienmitglieder geleisteten Arbeit. Häufig kam es vor, dass sogar der verheiratete Jungbauer seinen Vater mangels festen Gehalts um Zuwendungen bitten musste. Vielmehr wurde die Familie mit Einmalzahlungen bedacht, sofern größere Einkommen, etwa durch Ernteerlöse, erzielt worden waren.
Die oben beschriebenen innerfamiliären Konfliktpotentiale hatten jedoch auch eine große Wirkung auf die gesamtdörfliche Entwicklung – und das ist vielleicht auch das Bemerkenswerte an der Westruper Dorfstudie. Die Ausrichtung auf hohe, kurzfristige Erlöse, das möglichst frühe Heranziehen der Jugendlichen zur Arbeit, das vielfach lediglich auf kurze Sicht ausgelegte Arbeiten hinderte Westrup daran, sich zu entwickeln. Das unterentwickelte Grünland mit seinem Entwässerungsproblem ist ein Beispiel dafür. Die durchaus funktionierenden und oft erfolgreich angewendeten Genossenschaftsstrukturen wurden ausschließlich genutzt, wenn kurzfristiger Nutzen ersichtlich war. Durch fachliche und betriebswirtschaftliche Ausbildung und Weiterbildung hätten jene Missstände wahrscheinlich abgestellt werden können, alle dahingehenden Versuche von Außenstehenden etwa seitens der Landwirtschaftsschulen stießen jedoch auf Ablehnung.
Somit blieb in Westrup am Ende des Untersuchungszeitraumes 1953 der Gegensatz zwischen Entwicklungspotentialen auf der einen und geistigem Stillstand auf der anderen Seite bestehen.

    Selbstverständlichkeiten und Belehrungen – die Position des Autors

Bemerkenswert bei der Lektüre der Studie ist die von den Autoren der Dorfstudie eingenommene Perspektive. Die vorgefundenen Merkmale und Strukturen des Ortes, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, sowie die Lebenswelten und -bedingungen der Dorfbewohner werden umfassend dargestellt. Oft wird in diesem Zusammenhang jedoch eine normative Perspektive eingenommen und Kritik an den vorgefundenen Strukturen geübt. Dies geschieht zumeist über das Gegenüberstellen modernen Handelns mit festgefahrenen, tradierten Strukturen. Ein Beispiel dafür sind die Konflikte zwischen alter und junger Generation über die Vielfalt der zubereiteten Gerichte. Die Autoren belassen es nicht bei der Beschreibung des Konfliktverlaufes, der alten Generation wird Borniertheit und Ignoranz, sogar Bigotterie zugeschrieben:
Dass in das ungeschriebene Kochbuch der Altbäuerin moderne Gesichtspunkte der Speisenzubereitung kaum Eingang finden, versteht sich von selbst. Auch die Enkelin, die etwa die hauswirtschaftlicihe Abteilung der Landwirtschaftsschule besucht hat, vermag nur schwerlich die alte Tradition zu durchbrechen. (Erhebliche zwischenmenschliche Spannungen sind oft die Folge) Gern wird ihr allerdings in Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit und im Wunsche nach einem schmackhaften sonntäglichen Nachmittagskaffee das Backen überlassen.
(p. 139)
Fast erzieherisch wird die Perspektive bei ökonomischen Fragen. Der Fokus liegt hier auf Entwicklungsperspektiven, deren fehlende Umsetzung der kurzsichtigen Arbeitsweise der Landwirte zugeschrieben wird – hier sticht das Problemfeld der Grünflächendrainage hervor.
Ambivalent hingegen ist die Position gegenüber der Rolle der Frau. Während einerseits aufgezeigt wird, dass die Frauen einer höheren Arbeitsbelastung ausgesetzt sind, als die Männer, denn „ihre Arbeit geht mit dem Schließen der Stall- und Tennentür nicht zu Ende, sondern es warten dann noch Aufgaben im Haushalt auf sie, die bislang liegen bleiben mussten. Und nur zu oft muss sie vor dem Schlafengehen noch einmal zum Melken in den Stall […]“ (p. 154), die Folgen dieser Doppelbelastung werden ihnen an anderer Stelle jedoch angelastet:
„Die Sauberkeit in den Haushalten und damit auch die Instandhaltung der Wohnungen lässt vor allem im Sommer bei der weitgehend üblichen Heranziehung der Frauen zur Außenarbeit zu wünschen übrig. […] Es ist so kein Wunder, dass dann ein gewisser Schlendrian in der Haushaltsführung einreisst und diese Unordnung auf die Dauer von allen Familienangehörigen als etwas ganz Normales angesehen wird.“
(p. 136f)
An dieser Stelle kollidiert die volkswirtschaftlich-modernistische Perspektive, die die Autoren in weiten Teilen der Studie einnehmen, mit klassischen Familienbildern, was auch durch die weiter oben dargestellte Passage über den abtrocknenden Bauern besonderen Nachhall findet, wo genau dieses Rollenverständnis als kritische Pointe herangezogen wird.
Literatur
Autschbach, Paul: Die Lebensverhältnisse des kleinbäuerlichen Dorfes Westrup. Forschungsges. f. Agrarpolitik u. Agrarsoziologie eV, 1953.
von Dietze, Constantin, ed. Lebensverhältnisse in kleinbäuerlichen Dörfern: Ergebnisse einer Untersuchung in der Bundesrepublik 1952. Parey, 1953.


Jan-Malte Döring

Dienstag, 9. Dezember 2014

Dörfer der 1950er Jahre im Film

Eigentlich durch Zufall bin ich auf die Idee gekommen, einmal historische Filmaufnahmen von Dörfern anzusehen und sie, zunächst eher naiv, als Quelle für dörfliche Verhältnisse zu betrachten. Youtube bietet dazu schon ziemlich viel Material. Wir sitzen also seit einigen Wochen jeweils donnerstags im Seminar und sehen uns Filme an. Die Spannweite ist groß, wobei der Kontext oft unklar bleibt. Neben Werbefilmen, etwa der Hanomag oder von Deutz, finden sich Schulungsfilme (etwa einen aus der Schweiz) oder einfach Filme, die ohne Kommentar gezeigt werden oder kommentierte Heimatfilme. Die Diskussion über diese Filme ist bislang sehr intensiv gewesen. Die Frage, was wir dort sehen, was nicht und wie beides zu interpretieren ist, wurde immer wieder kontrovers diskutiert. Ob nun das frühere Landleben ein „schönes“ war oder nicht, läßt sich etwa anhand der Bilder nur ansatzweise beantworten. Über die Beziehungen der zu sehenden Menschen untereinander, über Hierarchien und Abhängigkeiten sagen die meisten Bilder zumindest auf den ersten Blick eben so wenig aus wie über das, was in den Häusern passierte.

Was wir regelrecht trainieren müssen, ist der genaue Blick auf das Abgebildete, wobei gleich mehrere Interpretationsansätze miteinander verknüpft werden müssen.

Dass wir gerade in der aktuellen Debatte über das Landleben und die Bedeutung der Landwirtschaft kritischer dörfliche Verhältnisse in der Vergangenheit untersuchen müssen, steht dabei für mich außer Frage. Dass diese dörflichen Idyllen (wie ich finde, waren es vielleicht welche und eher vermeintliche) auch vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund gesehen werden müssen (was haben etwa die Männer nur wenige Jahre vorher gemacht, die nun frohgemut während des Schützenaufmarschs durch das Bild ziehen?), stellt sich vielleicht erst beim dritten Blick auf den Film.

Die bei Youtube zu findenden Filme sind nur ein Ausschnitt dessen, was noch vorhanden ist, weshalb die Kooperation mit dem Kulturarchiv in Hannover verstärkt werden soll.

In einem zweiten Schritt sind wir gerade dabei, wichtige Publikationen zur Entwicklung des Dorfes auszuwerten, insbesondere die große Untersuchung über das Leben in zehn kleinbäuerlichen Dörfern.

Hier ein paar Beispiele mit knappen Kommentaren von mir:
Hanomag Werbefilm
http://youtu.be/azIwawHlkDk

Und hier DEUTZ
http://youtu.be/ke6s_AyBZ_w

Der große und der kleine Claas:
https://www.youtube.com/watch?v=rau9vKBMOm0

Landwirtschaft im Jahr 1958:
http://www.youtube.com/watch?v=xmYbOWnxCvU
Schweizer Film aus Oberyhl
Sehr eindrucksvolle Darstellung, in der auch die harte Landarbeit deutlich wird. Dabei auch der Tagesablauf einer Bauernfamilie und der Jahresablauf!
spielt zwar in der SChweiz, aber vieles kenne ich auch noch als Kind, auch das Düngen mit der Hand!
neben Traktoren werden auch noch Pferde eingesetzt und auch begründet; es scheint aber immer die Sonne!

https://www.youtube.com/watch?v=nVoa1AzGF2M
Wulkow um 1960, SW-Film
sehr schöne Aufnahmen, deutlich wird die harte körperliche Arbeit von Männern und Frauen!

https://www.youtube.com/watch?v=CSwmfZQyT4I
Film von 1942 unter anderem für das Gestellheuen, wieder aus der Schweiz
passt gut zu dem Schweizer Film von 1958, dazu als Beispiel wie vermutlich die Realität aussah: Wulkow 1960

https://www.youtube.com/watch?v=BgbnSyltoKY&list=PLkzxqQvJyGzmJHI0a7ZnUh0e7023uupDu&index=16

Landwirtschaft Unterfrittenbach, am Berg, hier auch Kinderarbeit , und wie beim Film von 1958 werden Kinder zur Ernte mit eingesetzt, Männer mit der Hand und erste Maschinen, interessant ist der Unterschied zu den Lehrfilmen!
In letzteren sind die Geschlechterrollen klar, die Leute sind gut angezogen, in letzteren arbeiten Frauen und Männer gemeinsam, sind die Arbeitenden verschwitzt und haben die Männer teilweise gewaltige Muskeln
Das Besondere sind allerdings die Arbeiten am Berg mit der Seilwinde,
und immer wieder Kinderarbeit

Die erwähnte Studie über die kleinbäuerlichen Dörfer wurde 1952 durchgeführt und 1972 wiederholt, hier die Publikationen dazu:
Dietze, Constantin von: Lebensverhältnisse in kleinbäuerlichen Dörfern: Ergebnisse einer Untersuchung in der Bundesrepublik 1952, Hamburg 1953.
Deenen, Bernd: Lebensverhältnisse in kleinbäuerlichen Dörfern : 1952 und 1972, Münster-Hiltrup 1975.

Samstag, 4. Januar 2014

100 Jahre Landleben im Fernsehen

Anna hat mich gerade darauf aufmerksam gemacht:
http://www.ndr.de/fernsehen/epg/epg1157_sid-1467898.html

Gut, ich habe mal reingehört, aber das ist mir denn doch zu viel Idylle. Übrigens sind die Kirchgänger, die auf historischen Aufnahmen zu sehen sind, vermutlich aus Lindhorst. Wir hatten die Filmaufnahmen in den 1980er Jahren auf dem Dachboden der Schule gefunden und dann aufwendig restaurieren lassen.

Übrigens war das "Lehnswesen" keineswegs bis 1815 allgemeines Gesetz und warum nur bis 1815 und warum mussten die Bauern bis in die 1930er Jahre noch für das Lehnswesen bezahlen?
Ok, ich will nicht zu kleinlich sein  ...

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Creating Rurality

Anette Schlimm mit einem interessanten Beitrag zur Konstruktion von Ländlichkeit:
http://uegg.hypotheses.org/227

Das bringt mich zu der Frage, weshalb so wenig bislang die Konstruktion von Ländlichkeit seitens der ländlichen Bevölkerung untersucht worden ist. Die oft belächelte Pseudo-Modernität vieler Dorfbewohner, die sich eine eigene, nicht bürgerlichen Vorstellungen genehme Dorfidylle geschaffen haben, wäre es einmal wert, näher betrachtet zu werden. Bislang wurde es eher als abweichendes Verhalten bewertet, siehe etwa die Normvorgaben von "Unser Dorf soll schöner werden" oder die Dorferneuerungsprogramme, die wie selbstverständlich immer die Normen der bürgerlichen Architekten als relevant ansehen, nicht die der Dorfbewohner, von denen offenbar angenommen wird, sie würden sich zu leicht von ihrer eigenen Identität abbringen lassen.

Donnerstag, 7. November 2013

Hausen - Kiebingen und die Wikipedia

In dem im vorherigen Beitrag vorgestellten Bändchen "Annäherungen an das Dorf" gibt es auch einen Beitrag von Albert Ilien über das Dorf Hausen, in dem er in den 1970er Jahren nicht nur gelebt, sondern das er auch zum Thema seiner Dissertation gemacht und über das er zusammen mit Utz Jeggle ein Buch geschrieben hat (Ilien, Albert/Jeggle, Utz: Leben auf dem Dorf: zur Sozialgeschichte des Dorfes und zur Sozialpsychologie seiner Bewohner, Opladen, 1. Aufl. 1978). Über Hausen haben aber auch noch weitere publiziert, wie Wolfgang Kaschuba und Carola Kipp (Kaschuba, Wolfgang/Lipp, Carola: Dörfliches Überleben: zur Geschichte materieller und sozialer Reproduktion ländlicher Gesellschaft im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Tübingen 1982).
Hausen ist eigentlich Kiebingen, ein inzwischen eingemeindetes Dorf in der Nähe der Universitätsstadt Tübingen (den Prozess der Eingemeindung beschreibt Ilien übrigens sehr ausführlich).
Was liegt also näher, als einmal in der Wikipedia nachzusehen, was es dort über Kiebingen zu lesen gibt. Nun, eine ganz Menge: etwa dass Kiebingen ein Stadtteil von Rottenburg am Neckar ist, eine Geographie hat und auch eine Ausdehnung sowie Nachbarorte. Alles Standardeinträge wie auch der Hinweis auf eine eigene Bevölkerung.
Und es hat eine Geschichte, die mit einer ersten urkundlichen Erwähnung im Jahre 1204 beginnt bzw. noch weiter zurück reicht, gibt es Reihengräber aus dem 5. Jahrhundert. Zudem wurde dort 1342 ein Paulinerkloster gegründet, das erst 1748 aufgelöst und im 19. Jahrhundert abgebrochen wurde. Schließlich wurde es in den 1970 von Arbeitsgruppe "um Uzt Jeggle" systematisch untersucht, so dass Kiebingen "zu den am besten erforschten Dörfern Deutschlands, siehe Literatur" gehört.
Politik gibt es auch, beschränkt sich aber auf eine Partnerschaft mit einer französischen Stadt. Wirtschaft und Infrastruktur sind nach Rottenburg ausgelagert worden, immerhin gibt es seit 1903 ein eigenes Kraftwerk, das nicht nur in diesem, sondern noch in weiteren Artikeln (mit denselben Bildern) ausführlich vorgestellt wird.
Immerhin ist dann Kiebingen noch über die Neckarbahn an die große weite Welt angeschlossen und es verfügt über Bildung, nämlich in Form einer Grund- und Hauptschule.
So kurz alle diese Informationen gehalten sind, es gibt es eine lange Literaturliste inkl. der schon erwähnten Tübinger Schriften sowie eine Ortsgeschichte aus dem Jahre 2004. Bei den Einzelnachweisen wird noch einmal das Kraftwerk verlinkt.

Was lernen wir daraus? Kiebingen ist nach Ausweis dieses Artikels eines der am "besten erforschten" Dörfer Deutschlands. Nur, was da erforscht wurde, darüber erfährt der Leser gar nichts, überhaupt nichts. Er wird mit knappen Banalitäten abgespeist. Liest man sich den beißenden Kommentar von Albert Ilien in dem erwähnten Sammelband über "tote Winkel" (S. 105), so passt allerdings wieder einiges. Dass, was kritische Sozialforschung da vor 40 Jahren über das Dorf heraus gefunden hat, darf auf keinen Fall in einem öffentlich zugänglichen Artikel in der Wikipedia stehen. Der Eintrag zeigt ein gesäubertes, nicht einmal glattes, sondern fast unkenntliches Bild des Dorfes.
Das Zitat Iliens lautet übrigens:
"Das Problem solcher toter Winkel ist ja nicht einfach, dass sie existieren, sondern, dass man tut,  als ob sie nicht existieren. Sie zu benennen kann dann von denen als Kränkung ihres Selbst- (und/oder Realitäts-) Bewusstseins empfunden werden." (Annäherungen an das Dorf, S. 105)

Mittwoch, 6. November 2013

Annäherungen an das Dorf - revisited 1

# Annäherungen an das Dorf - revisited 1

Vor dreißig Jahren wurde ein kleiner, aus einer Ringvorlesung hervor gegangener Sammelband veröffentlicht, der sich "Annäherungen an das Dorf" nannte. Autoren des Bandes waren Carl-Hans Hauptmeyer, Heinar Henckel, Albert Ilien, Karsten Reinecke und Hans Hermann Wöbse. Der Band erschien beim Fackelträger Verlag in Hannover.
Morgen werden wir einige der Beiträge dieses Bandes in unserem Seminar diskutieren und bei meiner vorbereitenden Lektüre sind mir noch einmal einige Aspekte aufgefallen.
Zuvörderst: Die Autoren waren keine "echten" Dorfbewohner, sondern entweder Städter (wie Carl-Hans Hauptmeyer) oder Zugezogene wie die übrigen (wobei ich nicht ganz genau weiß, ob damals schon alle auf dem Dorf wohnten; Albert Ilien jedenfalls berichtet über seine Erfahrungen als Bewohner von "Hausen" bei Tübingen, lebte aber später in Hannover). Menschen, die man in engerem Sinn als Dorfbewohner bezeichnen könnte, waren nicht dabei. Es waren im besten Falle Zugezogene, mit begrenztem Blick auf das Dorf. Das ist insofern wichtig, weil - auch wenn es um Wissenschaftler waren - doch um Projektionen einer besonderen Art handelte.
Die Autoren formulieren in ihren Texten durchaus unterschiedliche Perspektiven auf dörfliche Verhältnisse. Allen Texten ist aber eine Überzeugung gemeinsam, nämlich die, dass die ländlichen Verhältnisse sich in einem fundamentalen, alle bisherigen Entwicklungen übertreffenden Bruch befanden, wobei das Neue als bedrohlich, zumindest herausfordernd bewertet wurde. Handelte es sich dabei vielleicht um Projektionen, Projektionen, die - wie schon die Heimatbewegung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert - Dorfbilder konstruierten, die mit der Selbstwahrnehmung vieler Dorfbewohner nichts zu tun hatten. Wir haben so etwas auch dieses Jahr in Hösseringen feststellen können: Die "dörfliche" Gestaltung eines alten Hauses konnten wir bei den bürgerlichen Zugezogenen finden, die sehr nüchterne, mit historischen Versatzstücken lediglich ausstaffierte Wohnung dagegen bei den Alteingesessenen.
Das mag zwar Zufall sein, aber es kommt etwas Weiteres hinzu. Die Darstellungen in "Annäherungen an das Dorf" beschreiben das Dorf immer als ein durch landwirtschaftliche Aktivitäten und durch Gemeinschaftsverhalten charakterisierten Ort. Aber genau hierin liegt m.E. das zentrale Missverständnis. Landwirtschaft war eine wichtige ökonomische Basis der vormodernen Gesellschaft, aber nur eine unter mehreren. Andere ökonomische Aktivitäten werden praktisch nicht erwähnt. Das ist insofern erstaunlich, weil schon in den späten 1970er Jahren das Konzept der Protoindustrialisierung ältere Forschungen zu gewerblichen Aktivitäten des flachen Landes systematisch aufgegriffen und in ein neues theoretisches Konzept integriert hatten. Gerade diese Forschungen hatten gezeigt, dass Dörfer keineswegs ausschließlich eine landwirtschaftliche Basis hatten, sondern diese weitaus vielfältiger war.
Akzeptiert man aber diese hier nur angedeutete Beobachtung, dann wird der immer wieder postulierte starke Bruch in der Geschichte nach 1945 weitaus weniger tiefgreifend und kann umgekehrt nicht als eine Geschichte des Verlustes, sondern des Gewinns persönlicher und ökonomischer Freiheit gesehen werden. So sahen das übrigens auch manche ältere VHS-Teilnehmer, die ich in den 1980er Jahren in Lindhorst hatte: Sie hatten Dorf bis zum Zweiten Weltkrieg in erster Linie als eine Zwangsgemeinschaft erlebt, in der nicht nur die Bauern das "Sagen" hatten, sondern auch über den Alltag und die Lebensentwürfe der Dorfbewohner entschieden.
Der mit dem agrarischen Strukturwandel verbundene Kontrollverlust über das Dorf wurde demgegenüber als eine entscheidender Fortschritt angesehen, nicht als eine Verlustgeschichte. Die in den "Annäherungen an das Dorf" vertretenen Konzeptionen waren dagegen immer noch auf den Dualismus "altes" - "modernes" Dorf festgelegt.
Lassen wir dabei einmal all die Spekulationen über dörfliche Ästhetik beiseite und blicken noch auf einen anderen, teilweise offen, meist aber verdeckt vorgetragenen Aspekt, den der eigenständigen Entwicklung. Heinar Henckel schreibt dazu: "Anzustreben ist ein ländlicher Raum, der aus sich selbst heraus bestehen kann." (S. 20). Aber leider gab es auch in der Vergangenheit der letzten Jahrhunderte gerade diesen ländlichen Raum nie, er war immer vernetzt mit anderen Räumen. Die deutschen Aussiedler des 19. Jahrhunderts erhofften sich diese sich selbst genügende Landwirtschaft vielleicht in den weiten Plains des mittleren Westens und mussten auch dort feststellen, dass dies eine Fiktion war. Ohne den Bahnanschluss an die großen Zentren nutzte ihnen ihre eigene Produktion eben nichts.
Es war gerade diese Abhängigkeit, die dem historischen Dorf zumindest des 18. und 19. Jahrhunderts seine bis dahin größten Krisen bescherte. Der seit Mitte des 18. Jahrhunderts drastisch steigende Bevölkerungszuwachs basierte vorrangig auf den außerlandwirtschaftlichen Erwerbsmöglichkeiten. Als diese dann Anfang des 19. Jahrhunderts sich nach und nach auflösten, gerieten die Dörfer in eine tiefe Krise, die in eine drastische Abwanderung mündete. Dörfer waren eben nicht per se Orte, "die in extremen Krisensituationen die Chance [boten], Überlebenssituationen zu schaffen und zu sichern", wie dies Heinar Henckel im selben Band schrieb (S. 198), sondern sie boten im Vormärz eben keine Überlebenschance mehr! Und nach dem Zweiten Weltkrieg verloren sie ebenfalls sehr schnell an Attraktivität für viele Zugezogene, obwohl angesichts des Mangels an Nahrungsmitteln das Gegenteil zu erwarten wäre. Gut, hier wurde, wie schon im Ersten Weltkrieg, gehamstert. Aber das bedeutete keineswegs, dass die Hamsterer gern auf die Dörfer ziehen wollten - dazu war den Zeitgenossen der dörfliche Zwang zu bewußt! Selbst die Flüchtlinge und Vertriebenen zogen es meist vor, die Dörfer zu verlassen. Das ist eigentlich das Faszinierende: Dörfer wurden in dieser Zeit gerade nicht als Zufluchtsort angesehen, sondern im Gegenteil als Fluchtort.